Weltberühmter Kurort mit vornehmen Gästen
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gehörte Heiden zu den bekanntesten Kurorten bei vornehmen Gästen aus ganz Europa. Seit 1848 wurden hier wie in anderen appenzellischen Dörfern Molkenkuren angeboten. Den Aufstieg in die Spitzenposition verdankte der Ort einem Berliner Arzt, Dr. Albrecht von Graefe (1828–1870), dem Wegbereiter der modernen Augenheilkunde. Von Graefe entdeckte 1851 wohl zufällig Heiden. Der Augenarzt, dem die erste Operation des Grünen Stars gelungen war, verlegte jährlich während einiger Wochen seine Praxis nach Heiden, um im «Freihof» sehkranke Patienten aus ganz Europa zu operieren. Er war überzeugt, dass die «staubfreie Luft von Heiden, unterstützt durch das saftige Wiesengrün», die Heilung unterstütze.
Ein zweiter indirekter Förderer des Kurwesens war der Schweizer Neurologe Dr. Heinrich Frenkel (1860–1931), der als Begründer der modernen medizinischen Rehabilitation gilt.
Heiden erlebte einen richtigen Boom: 1877 zählte der Ort 16 Hotels und Gasthäuser, bis 1913 stieg diese Zahl auf 23. Das Angebot vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, der dann aber zum vollständigen Zusammenbruch des Fremdenverkehrs führte, wird auf 1500 Gastbetten geschätzt. Den Zustrom gefördert hat zudem die 1875 eröffnete Rorschach-Heiden-Bergbahn, die als Normalspurbahn Anreisen ohne Umsteigen ermöglichte. Zum Tagesablauf der Kurgäste gehörten Bäder, Spaziergänge, Lektüre, Musik, Billard, Kegel- oder andere Spiele, allerdings nicht umsonst. Eine Preisauswahl: Ein Zimmer mit zwei Betten in der Woche 12 bis 24 Fr., Kaffee und Zubehör bis 1 Fr., Alpenziegenmolke täglich 80, Kräutermolke 90 Rp., ein Bad bis 1 Fr., ein Molkenbad 5 bis 6 Fr., eine Dusche «grosser Strom, kalt oder warm» 2 bis 4 Fr., «kleiner Strom, Regen- oder Tropfbad» 80 Rp. bis 2 Fr.
Im Historischen Museum am Kirchplatz lebt die Geschichte von «Gross-Heiden» in Bild und Text weiter.